Dermanostic: Hautarztdiagnose per Smartphone (und was das über unser Gesundheitssystem aussagt)

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung selbst notorischer Modernisierungsmuffel merklich vorangetrieben. Wo bisher die Frage vorherrschte „wieso etwas ändern, wenn es bisher auch so ging?“ musste man man sich nun Innerhalb kürzester Zeit die Frage stellen: „wie erreiche ich meine Kundschaft denn nun?“.

Aus „wieso etwas ändern, wenn es bisher auch so ging?“ wird „wie erreiche ich nun meine Kundschaft?“

Eine besonders effiziente Lösung hierfür hat das Team von Dermanostic in Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin Göttingen gefunden. Das Angebot beschränkt sich auf die Feststellung von Hauterkrankungen, da diese – so die Aussage von Dermanostic – in der Regel ohnehin per Blickdiagnose erfolgt, also keinerlei Berührung oder Interaktion mit dem Patienten erfordert.

Das Prinzip ist einfach: Als Patient beschreibe ich in der Dermanostic-App das Krankheitsbild und den Verlauf zunächst in einem kurzen Text und mache dann direkt mit dem Smartphone 3 Fotos der Symptome aus verschiedenen Blickwinkeln. Das ganze wird zu Dermanostic hochgeladen und innerhalb weniger Stunden bekomme ich meine Diagnose inkl. Behandlungsempfehlung und der Möglichkeit, ein Rezept anzufordern. Der Service kostet 25 Euro pro Diagnose und steht dabei 24/7 zur Verfügung.

Dermanostic im (Selbst)Test

Passenderweise plagt mich seit einigen Wochen selbst ein Ausschlag an der Körperseite, der sich von selbst nicht zu bessern schien. Auf einen regulären Termin beim Hautarzt hätte ich im Raum Köln anderthalb Monate warten müssen (srlsy?!), Akutsprechstunden bietet nur ein Hautarzt in vertretbarer Entfernung an – nach Anmeldung vor 7 Uhr morgens.

Beste Voraussetzungen also, um die App an mir selbst zu testen! Und so lade ich am 3. Oktober – nicht nur Sonn- sondern auch Feiertag – die App herunter, beschreibe in 3 Sätzen die Symptome, knipse die Fotos, bezahle und warte, was nun passieren wird.

Und tatsächlich erhalte ich zu meiner Überraschung keine drei Stunden später eine Diagnose sowie die Möglichkeit, das Rezept zur Behandlung direkt an eine Apotheke meiner Wahl gefaxt (lol) zu bekommen.

Der Gegencheck: Diagnose beim Hautarzt vor Ort

Nun könnte ich mit dieser Diagnose zufrieden sein und meiner Wege gehen. Doch hat mich die Neugier doch dazu bewogen, mich direkt am kommenden Morgen um 6 Uhr in der Früh auf den Weg zur Akutsprechstunde zu machen, um doch noch eine persönliche Diagnose zu erhalten.

Ich hatte Glück und konnte noch einen der wenigen Akutsprechstundenplätze ergattern. Gegen 8 Uhr wusste ich dann: Dermanostic hatte recht! Die Diagnose war dieselbe, lediglich zur Medikation empfahl der Arzt vor Ort eine weniger aggressive Creme (ohne Kortison), die seither tatsächlich meine Leiden mindert.

Fazit: Wer hat, der kann

Eigentlich war ich drauf und dran, Dermanostic eine uneingeschränkte Empfehlung auszusprechen: Die Lösung ist sehr bequem und schnell, sogar schneller als erwartet. Sogar das persönliche Anschreiben las sich nett.

Dann wurde mir allerdings bewusst, dass ich für diese Bequemlichkeit und den guten Service Geld gezahlt hatte. 25 Euro mag nun nicht nach allzu viel klingen, zumal verglichen mit den anderthalb Monaten Wartezeit auf einen regulären Arztbesuch. Allerdings ist das eine sehr privilegierte Sicht, die so vermutlich nicht viele Menschen in Deutschland haben. Denn was heißt das denn im Umkehrschluss?

Gesundheitsleistungen dürfen keine Commodity sein.

Wenn ich genügend Geld habe, kann ich mir Gesundheitsleistungen sofort leisten, quasi als Comodity, als Produkt. Wenn das nicht der Fall ist, muss ich unerträgliche anderthalb Monate (oder noch länger) warten, bis meine Leiden überhaupt adressiert werden. Dabei lebe ich in einer Stadt mit unzähligen Ärzten und Klinken. Auf dem Land könnte sich die Wartezeit noch weiter verlängern.

Das Privileg, gesund zu sein

Diese Abhängigkeit von Gesundheitsleistungen und Einkommen ist ein Problem des Gesundheitssystems, das in Deutschland schon lange durch die Zweiteilung in private und gesetzliche Krankenkassen besteht. Wohin dieses Privileg, gesund zu sein, letztendlich führt, ist im fast komplett privatisierten Gesundheitssystem der USA gut ersichtlich, in dem Menschen leiden und sterben, weil sie es sich notwendige Behandlungen schlicht nicht leisten können.

An diesem Problem ist Dermanostic natürlich nicht schuld. Aber dass diese App in mir ein Gefühl so großer Erleichterung auslöst ist ein Symptom für ein Gesundheitssystem, das sich in die falsche Richtung entwickelt.

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