iPhone X: Meine Erfahrung nach 8 Jahren Android

Seit dem Erscheinen des HTC Hero im Juni 2009 war ich treuer Android-Anhänger. Obwohl ich schon öfter mit dem ein oder anderen Feature des iPhone geliebäugelt hatte, sollte es bis zu dessen zehntem Jubiläum dauern, dass ich den Sprung wage. Hier sind meine Erfahrungen mit dem iPhone X. 

iPhone X vor Google Pixel

Stabilität, Sicherheit und Performance sind nur drei Schlagworte, die gerne als Vorteile des iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz angeführt werden – besonders bei Android-Flaggschiffen halten diese Argumente jedoch keiner Prüfung mehr stand. Auch die allermeisten Google-Services sind auf iOS ebenso wie auf Googles eigener Mobilplattform verfügbar, weshalb ein Wechsel von meinem bisher genutzten Pixel (1. Generation) zum iPhone X reibungslos verlaufen sollte. Wo also liegen die Unterschiede?

(Da ich hier Smartphones zweier Generationen betrachte, bleiben reine Leistungsvergleiche außen vor. Außerdem erhebt dieser Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden nur Dinge diskutiert, die mir seit dem Umstieg vor 5 Wochen aufgefallen sind. Höchst subjektiv also.)

Haptik und Handhabung

Zunächst sei hier das Hardware-Design erwähnt, das von der Materialwahl über die Verarbeitung bis hin zum Gewicht einen wunderbar stimmigen Gesamteindruck erzeugt. Glas auf Vorder- und Rückseite verbinden sich mit dem Edelstahlrand zu einer haptischen Einheit ohne Spaltmaße und geben dem Gerät eine wertige Schwere. Auch dem Schlankheitswahn entzieht sich Apple und macht das iPhone X etwas dicker als das iPhone 7. Durch den Verzicht auf den Home Button lässt nun selbst das iPhone den Muff vergangener Jahre  hinter sich – eine längst überfällige Änderung, für mich als Android User aber keine eine Neuerung.

Diesen Fokus auf angenehme Haptik unterstützt außerdem der Vibrationsmotor, werbewirksam Taptic Engine genannt. Dieser ist zu außerordentlich akzentuierten Vibrationen fähig, die sich überall im System als Feedback auf diverse Aktionen finden: bei 3D Touch, beim Blättern durch den Time Picker, beim Ordnen von Listenelementen, und und und.

So hinterlässt die konsistente Haptik einen fast lebendigen Eindruck, der dem iPhone X eine eigene Persönlichkeit verleiht – etwas, was ich so von keinem anderen Smartphone kenne.

iPhone X in der Hand

Betriebssystem & Apps

Lange Zeit haben sich iPhone User über die mangelde Konsistenz in Androids Software-Design lustig gemacht, inzwischen müssen sie sich diese selbst vorwerfen lassen. Da Apples Human Interface Guidelines weit weniger strikt sind als Googles Material Design, unterscheidet sich die Menüführung von App zu App, während Systemdialoge wiederum ihren eigenen – leicht angestaubten – Stil vorweisen. Positiv kann man das als mehr Freiheit für Entwickler und Variation für User beschreiben, aber realistisch gesehen ist es einfach wenig zweckdienliche Inkonsistenz.

Der Homescreen „Springboard“ unterscheidet sich auf den ersten Blick von gängigen Android Launchern durch den Verzicht auf einen App Drawer. Alle Apps existieren nur auf einer einzigen Ebene, was eine durchdachte Organisation unverzichtbar macht, um schnell zur gewünschten App zu finden. Alternativ ermöglicht ein Wisch von oben nach unten die schnelle App-Suche. Dieser Verzicht auf eine duale Organisationsstruktur bedeutet einerseits, dass selbst weniger genutzte Apps nicht in Vergessenheit geraten, andererseits muss selbst Bloatware auf dem Homescreen verstaut – oder wie seit iOS 11 möglich – gelöscht oder deaktiviert werden.

Widgets auf dem iPhone

Widgets sind in iOS auf den Homescreen ganz links beschränkt, wo sie sich ähnlich dem Google Now Feed vertikal durchscrollen lassen. Das schränkt die Benutzung zwar ein, sorgt aber auch für eine gewisse Konsistenz, die durch das homogene Widget-Layout weiter unterstützt wird. Alternativ können Widgets mancher Apps auch per 3D Touch auf das App Icon aufgerufen werden. Etwas an Nutzen verlieren die Widgets allerdings dadurch, dass sie bei (fast) jedem Aufruf ihre Informationen neu geladen werden müssen, was je nach Internetverbindung wenige Sekunden dauern kann. Sinnvoller wären hier etwa weniger restringierte Hintergrundaktualisierungen oder das Caching von Daten wie Kalendereinträgen.

Beeindruckend ist die konsistente Geschwindigkeit des Betriebssystems. Ich möchte hier wie oben geschrieben keine direkten Vergleiche mit dem Pixel ziehen, das eine Generation älter ist. Aber auf dem iPhone X kann ich ohne jegliches Anzeichen von Lag zwischen mehreren Anwendungen hin und her wechseln, während es auf Android-Geräten besonders nach dem Beenden aufwändiger Spiele häufig zu Verzögerungen oder gar einem Neuladen auf dem Homescreen kommt.

App-Integration & Workflow

Im Gegensatz zu Android können sich Apps von Drittanbietern nicht umfassend ins System integrieren sondern existieren weitestgehend abgeschottet für sich selbst. Weder lassen sich Apple Maps oder die schrecklich altbackene Mail-App durch Google Maps respektive Inbox als Default ersetzen, noch können Drittanbieter-Apps auf der Apple Watch Musik wiedergeben. Eine gewisse Integration besteht nur durch das Sharing-Menü – das sich im Gegensatz zu dem von Android ohne Verzögerung und Nachladen öffnet. Nach anfänglichem Ärger habe ich meinen Workflow aber entsprechend angepasst und komme gut damit zurecht.

Obwohl Apple mit iOS 11 einen rudimentären Datei-Explorer eingeführt hat, lassen sich nicht aus jeder App ohne weiteres Bilder oder Videos speichern. Hier liegt die Verantwortung aber vermutlich beim jeweiligen App-Entwickler.

 

Benachrichtigungen: Android vs. iPhone

Die vermutlich größte Umstellung für langjährige Android User stellt das Benachrichtigungssystem von iOS dar, wenngleich es in der Praxis nicht so schlimm ist, wie gerne behauptet wird. So sind auch iPhone Notifications expandierbar und interagierbar, indem man sie per 3D Touch öffnet oder auf dem Lockscreen entsprechend wischt. Lediglich der Informationsgehalt bleibt dabei hinter dem von Android-Benachrichtigungen zurück. Wirklich ärgerlich ist aber, dass Benachrichtigungen in streng chronologischer Reihenfolge gelistet und nicht wie bei Android nach App gruppiert werden. Dabei würde gerade 3D Touch ein System ermöglichen, bei dem Benachrichtigungen zunächst pro App angezeigt und dann mit besagter Geste expandiert werden. Interessanterweise war die Gruppierung nach App bis iOS 9 wohl optional möglich, wurde dann aber kommentarlos entfernt ¯\_(ツ)_/¯

3D Touch Mit Face ID Ohne Face ID

Interessantes Detail: Dank Face ID (mehr dazu siehe unten) wird der Inhalt von Benachrichtigungen nur dann angezeigt, wenn der Besitzer des iPhone X darauf schaut.

App Store & Kosten

Nach wie vor werden viele Apps zunächst exklusiv für iOS entwickelt, sei es nun wegen der einheitlicheren Plattform oder der zahlungsbereiteren Kundschaft. Dabei fallen 2 wesentliche Unterschiede ins Auge: Während Android-Apps vorwiegend freemium/werbefinanziert oder für einen geringen Kaufpreis (meist unter 5 Euro) erhältlich sind, sind bei iOS inzwischen Preise in der Größenordnung von Desktop-Software keine Seltenheit mehr; oft werden sie als Alternative zum monatlichen oder jährlichen Abomodell angeboten.

Dennoch musste ich mich als frischgebackener iPhone-Nutzer nicht in Unkosten stürzen: Ledliglich Sleep Circle ersetzt mit seinem Abonement das großartige Sleep as Android, könnte aber schon bald durch das einmalig zu bezahlende Autosleep ersetzt werden.

Ansonsten stellen die allermeisten Apps ohnehin nur das Frontend für Web-basierte Services dar, deren Kosten unabhängig von der tatsächlich genutzten Plattform anfallen.

Dual Camera & True Depth Camera

Die einzige Enttäuschung beim Wechsel vom Pixel zum iPhone X stellt die Kamera dar – ausgerechnet also die Disziplin, in der Apple so lange die Konkurrenz in den Schatten stellte. Nicht, dass die Kameraqualität schlecht sei: besonders bei Tageslicht produziert sie super Fotos und FullHD-Videos mit 240 FPS sind durchweg beeindruckend.

Aber gerade im Dämmerlicht wirken Details häufig matschig und dunkle Stellen weisen trotz HDR Artefakte auf; hier war ich vom Pixel deutlich bessere Ergebnisse gewohnt.

Im direkten Shootout mit dem Pixel 2 muss sich das iPhone X auch in seiner vermeintlichen Paradedisziplin, dem Portraitmodus, geschlagen geben. Dieser ist zweifelsohne beeindruckend, das Pixel 2 produziert aber auch unter schlechteren Bedingungen die besseren Ergebnisse – und das mit nur einer Linse. Gleiches gilt für die Frontkamera, die sowohl im regulären als auch im Portrait-Modus bei Innenaufnahmen und bei Dunkelheit versagt.

Das vermutlich interessanteste Feature der Frontkamera und mitverantwortlich für den entstellenden charakteristischen Notch ist die True Depth Camera, die verschiedene Sensoren und Technologien vereint. Sinnvoll wird diese zum Beispiel bei Face ID eingesetzt, um das iPhone per Gesichtserkennung zu entsperren, aber auch um Benachrichtigungsinhalte anzuzeigen, den Screen bei mangelnder Aufmerksamkeit abzudunkeln und natürlich Animojis zu verschicken!

Das funktioniert in der Regel auch sehr gut, insbesondere wenn die letzte Erfahrung mit Gesichtserkennung die des Galaxy Nexus von 2011 war. Da Face ID auf der API von Touch ID beruht, unterstützen einige Apps – insbesondere aus dem Banking-Bereich – auch ohne Zutun ihrer Entwickler dieses neue Sicherheits-Feature. Ärgerlich ist lediglich, dass nach fehlgeschlagener initialer Erkennung nicht ein zweiter Versuch möglich ist, sondern der Authentifizierungsprozess beendet und von vorne begonnen werden muss.

Embrace the dongle life

Google Assistant vs. Siri

Hahahahahahahaha … Nein wirklich, Siri ist komplett nutzlos.

Das beginnt bei der Spracherkennung, die nicht einmal englische Songtitel erkennt und endet bei der Interpretation der Eingabe, die meist in einer Web-Suche endet. Immerhin ist Google inzwischen wieder als Search Provider verfügbar, sodass immerhin diese sinnvoll ausfallen. Hier lohnt sich der Umweg über die Google Assistant App definitiv. Kopfhörer mit Direktzugang zum Google Assistant wie die Bose QC35 II werden so noch einmal attraktiver.

Fazit

Noch nie war es so einfach wie heute, zwischen Android und iPhone zu wechseln, ohne etwas zu verpassen. Zunehmend Web-basierte Services sind unabhängig vom Client-System nutzbar und auch die Geräteperformance gibt sich nicht viel.

Während diese auf dem iPhone noch etwas konsistenter ist, wartet das Android-Ecosystem mit mehr Hardware-Auswahl auf – auch im High-End-Sektor. Während das iPhone aufgrund seiner homogeneren Systemverteilung innovative neue Features (etwa Pokémon Gos AR+ Mode) etwas früher bekommt, haben Android-Entwickler mehr Zugriff auf spezifische Hardware (etwa den NFC Chip).

Entsprechend problemlos gestaltete sich mein Umstieg vom Google Pixel auf das iPhone X. Mir fehlt zwar die Fotoqualität bei Nachtaufnahmen, dafür möchte ich die charakteristische Haptik nicht mehr missen. Ich genieße den schnellen Wechsel zwischen Apps, aber mir fehlt der universell verfügbare Multitasking-Modus, …

Wenn ihr also auch bisher nur einem mobilen Betriebssystem treu gewesen seid, versucht doch bei nächster Gelegenheit den Wechsel. Und schreibt in die Kommentare, was euch am meisten beim Wechsel überrascht hat – oder was euch dennoch davon abhält.

6 Gedanken zu “iPhone X: Meine Erfahrung nach 8 Jahren Android

  1. Schön geschrieben. Die Haptikgeschichte mit der Taktile Engine ist interessant, allerdings empfinde ich jegliche Vibration als „Stressor“ weshalb ich davon nicht profitieren würde. Der Größte Hinderungsgrund für mich ist der „Notch“. (Klar kann man sich daran gewöhnen – aber ich w-i-l-l mich nicht an eine unterlegene Lösung gewöhnen). Da Apple wohl auch dieses Jahr nicht davon abrückt, werde ich mal schauen was sich bei Android tut. Dir weiter viel Spaß mit dem X)

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    1. Danke für dein Feedback! Der Notch stört mich so gar nicht. Da die iOS-Systemleiste sonst (bei anderen iPhones und iPads) auch zu gut 50% ungenutzt bleibt, geht ja nichts verloren. Hat vermutlich viel mit dem subjektiven Sinn für Ästhetik zu tun.

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  2. Meine Erfahrungen als jahrelanger Android Nutzer,der jetzt kpl. m. 2 Ipads und 1 Iphone gewechselt hat: Software Update und Verarbeitung sind einwandfrei. Das wars dann aber auch. Ich konnte vorher in einem Arbeitsgang beim Kunden Dokumente scannen und in den dazugehörenden GDrive Ordner als pdf ablegen , mein elektr. Fahrtenbuch hat sich beim Einsteigen via BT mit dem Auto verbunden,Fahrten wurden automatisch aufgezeichnet, ich konnte ein Word Dokument schreiben, bei dem sich das Datum automatisch aktualisiert. Das alles ist jetzt bspw. nicht mehr oder mit ziemlich viel Krampf möglich . Das viel gelobte Siri versteht mich in der Hälfte der Fragen überhaupt nicht und gibt blödsinnige Antworten. bei Google funktioniert das alles einwandfrei es geht NICHT darum irgendwelche Problemfälle zu konstruieren sondern es geht um ganz normale AlltagsFunktionen und ich habe die Umstellung nach etwa drei Monaten schon mehr als einmal bereut.

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    1. Blöde Frage, aber warum hast du dann gleich so radikal gewechselt? Ich stimme dir definitiv zu, Android hat für solche speziellen, automatisierten Workflows einfach mehr Apps im Angebot. Unter iOS ist man da eher eingeschränkt.

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  3. Ich war vom Ipad und seiner Möglichkeit, handschriftliche Notizen und Unterschriften zu verarbeiten, begeistert. Insgesamt kann ich mit der Umstellung leben,ich war nur so enttäuscht, weil mir mein gesamtes Umfeld von Apple vorgeschwärmt hat und ich jetzt weiss, dass die alle keine Ahnung haben.

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